Das Abenteuer kann beginnen!

Manuelle Gautrand im Interview mit FORUM über das Entwerfen, Blockaden, Geld, Humor und ihre Angst sich zu wiederholen.

Nach spektakulären Anfangserfolgen hat sich ihr Büro als eines der erfolgreichsten am französischen Markt etabliert. Mit ihrem Flagship Store für Citroën ist Manuelle Gautrand auch einem breiten Publikum bekannt geworden und so gehört sie spätestens seitdem zur kleinen Gruppe berühmter Architektinnen. Gautrand gründete ihr Büro 1991 in ihrer Heimatstadt Lyon um sich ein paar Jahre später in Paris niederzulassen von wo aus ihr mit Projekten wie dem Théatre le Palace in Béthune, dem Kulturzentrum La Coupole in Saint-Louis, dem Solaris Komplex mit 100 Wohnungen in Rennes, dem Showroom für Citroën auf den Champs-Elysées und zuletzt der Erweiterung des Museums für Moderne Kunst in Lille der Durchbruch gelang. Gautrand liebt die Herausforderung, das Abenteuer Architektur und versteht sich als Generalistin: Ihr breites Portfolio das von Verkehrsbauten, Wohnbau, Büro- und Geschäftsimmobilien über Kulturstätten und Hotels reicht, beweist stets höchste architektonische Qualität, Eleganz und intelligenten, spielerischen Umgang mit Raum, Form, Farbe und Transparenz.

Sie waren als Architektin schon sehr früh erfolgreich. Wie begann Ihre Karriere? Wie kam es dazu?

Ich habe mit der Teilnahme an vielen Wettbewerben begonnen. Mit verschiedensten Gebäudetypen: Wettbewerben für Kulturbauten, Schulbau, Bürobau Wohnbau. Es war mir wichtig mich nicht zu spezialisieren und verschiedene Themen auszuprobieren. Es ist für Architekten sehr bereichernd neue Auftraggeber und neue Bereiche zu entdecken. Projekte in verschiedenen Ländern oder mit besonderen Bauherren ändern unsere Konzeption manchmal radikal und zeigen uns neue Horizonte, neue Möglichkeiten, neue Ideen.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Jede Menge Meetings! Meetings mit meinem Team, große Workshops um meine neuen Ideen zu präsentieren, gemeinsam ein Projekt zu entwickeln oder einfach Treffen um die Entwicklung eines Entwurfes zu diskutieren. Es gibt auch viele Meetings mit Bauherren zum Beispiel um sie von einem Projekt zu überzeugen, Treffen mit Partnern und Ingenieuren um ein Projekt in eine innovative Richtung voranzutreiben…

Wo arbeiten Sie an Ihren Entwürfen?

Ich kann überall arbeiten. Zu Hause, im Flugzeug, im Zug,… Natürlich auch in meinem Büro – aber das kommt eher selten vor, denn es ist nicht leicht dort konzentriert und ungestört arbeiten zu können. Um klare, neue und gute Ideen zu haben ist es manchmal besser alleine zu sein.

Hören Sie dabei Musik? Lassen sie sich von ihr inspirieren?

Ich liebe Musik, hauptsächlich elektronische Musik. Der große Umbau des „La Gaité Lyrique“- Theaters in Paris ist mir sehr wichtig, denn es ist meine Möglichkeit ein Projekt für ein Thema zu entwerfen das ich sehr liebe: Durch den Umbau wird ein einmaliger Ort für elektronische Kunst und zeitgenössische Musik in Paris entstehen und ich fühle mich beim Entwerfen als wäre ich in meinem Traum-Universum!

Gibt es Architekten oder Architektur der Vergangenheit die Sie bewundern?

Ich bin von aller Architektur begeistert, auch von historischer: Ich lasse mich sehr von Kathedralen beeindrucken, auch von sehr alter Architektur. Europa ist ein unglaublich geschichtsträchtiger Kontinent und das ist immer eine Inspirationsquelle. Außerdem liebe ich es Bauten zu „entdecken“ die nicht von Architekten geplant sind: Brücken, Staudämme, Festungen… diese Bauten können wirklich außergewöhnlich sein, Arbeiten in großem Maßstab und in einer radikalen Formensprache, Arbeiten in der Landschaft die versuchen sie zu respektieren, zugleich aber in einem starken – aber schönen – Gegensatz zu ihr zu stehen.

Und welche gegenwärtigen Architekten schätzen Sie?

Ich bewundere Gebäude vieler Architekten. Es kommt auf das Gebäude an. Und genauso bewundere ich auch andere Kreative: Künstler, Designer, Modedesigner,…

Wenn Sie an einem Entwurf, sagen wir an einem Wettbewerb, arbeiten – wie beginnen Sie damit? Wie beginnen Sie mit der Entwurfsarbeit, dem Denken über die Architektur die da entstehen soll?

Ich beginne ziemlich wissenschaftlich: Ich versuche wirklich tiefgehend den Ort und die verschiedenen Möglichkeiten ihn zu ändern, ihn hervorzuheben, zu studieren. Parallel dazu vertiefe ich mich auch in die Aufgabe, ihm eine Architektur zu geben die absolut unerwartet sein kann. Ich mag die Möglichkeit eine Frage zu stellen die einmalig und in ihrer Art überraschend sein kann: Ich arbeite am Anfang des Konzeptes nicht mit Quadratmetern und Funktionen, aber ich versuche auf die Bedürfnisse zurück zu kommen, die ja auch irgendwie unquantifizierbare Daten sind. Dann versuche ich die Studien des Ortes und die Vorgaben des Auftrages zusammen zu bringen. Das geht manchmal sehr flüssig, manchmal aber braucht es radikale Entscheidungen wenn Ort und Konzept nicht so leicht zu „verheiraten“ sind.

Ich beginne immer mit Skizzen und Modellen. Ich liebe es eigenhändig „schnelle“ Modelle zu bauen um Kontakt mit dem Thema und sehr schnell einen dreidimensionalen Eindruck meiner ersten Ideen zu bekommen.

Haben Sie jemals ein Gebäude entworfen, das Sie zu 100% zufrieden gestellt hat?

Ja. Ich muss sagen: Ja, zum Glück ist mir das schon passiert!

Was machen Sie, wenn Sie blockiert sind. Zum Beispiel beim Entwurf. Eine Situation aus der Sie nicht so einfach herauskommen. Passiert Ihnen das? Und – wenn ja – wie kommen Sie da raus?

Ja das kommt vor – und das ist immer eine sehr schlechte Zeit, denn in diesem Fall bin ich total gestresst und unruhig. Und da raus zu kommen, bedeutet dass ich alles neu beginnen muss, dass ich ein neues Projekt auf einem weißen Blatt Papier beginnen muss. Es ist immer ein Problem, aber ich denke als Architekten sind wir gewohnt Fehler zu machen: Entwerfen ist nicht leicht, braucht Geduld und Kreativität. Wir müssen immer stur und ausdauernd, leidenschaftlich und anspruchsvoll sein. Die richtige Idee für einen Entwurf ist ausschlaggebend und muss gleich am Beginn gefunden werden, denn danach ist es zu spät. Eine schwache Idee zu akzeptieren bedeutet, dass das Projekt in gewisser Hinsicht verloren ist.

Gab es schon Projekte, bei denen sich der allererste Entwurf als der beste herausstellte, als der, der gebaut wurde?

Ja, manchmal!

Diskutieren Sie mit anderen Architekten über Ihre Projekte oder tauschen Sie Ideen mit ihnen aus?

Gleich nach dem Beginn, wenn ich meine ersten Ideen habe und mir meiner Wahl sicher werde, brauche ich Austausch um Reaktionen zu bekommen, meine Ideen auszutesten und zu diskutieren. Das mache ich immer mit den Architekten meines Teams. Austausch ist immer eine Möglichkeit sich selbst zu testen, um diese langwierige Überzeugungsarbeit zu beginnen. Diese Treffen sind außerdem wichtig, weil die Architekten aus meinem Team auch erst überzeugt werden müssen. Es mir wichtig, dass sie alle hinter meinem Projekt stehen um es dann gemeinsam gut entwickeln zu können.

Ein eher tabuisiertes Thema in der Branche ist Geld. Inwiefern spielt es eine Rolle bei der Auswahl Ihrer Projekte?

Nein, das ist absolut nicht tabu! Die Kosten eines Projektes, das Budget, das ist ein sehr wichtiges Thema. Genauso wichtig wie der Entwurf und der Ort. Ein Projekt mit einem großen Budget zu bauen ist nicht dasselbe wie mit einem sehr kleinen Budget. Die Architektur wird natürlich nicht dieselbe sein. Ich hasse die Enttäuschung wenn ich an einem Punkt angelangt bin, wo ich entdecke dass ich nicht genug Budget zur Verfügung habe um das Projekt so umzusetzen wie ich mir das erträumt habe und wie ich das erarbeitet habe. Ich bevorzuge es alle vorhandenen Informationen die mir der Bauherr über den Auftrag gibt selbst zu organisieren und sofort auf sie zu reagieren, sie in das Konzept zu integrieren.

Die Wege in Ihren Gebäuden sind ein wichtiger Punkt in Ihrer Architektur. Es ist schon auffallend, dass eines ihrer ersten Projekte gleich eine Brücke war. Bezeichnend. Könnte man bei Ihrer Architektur behaupten: „der Weg ist das Ziel“?

Ja das trifft es! Architektur ist eine Art Reise für ihren Benutzer. Architektur muss eine unerwartete Reise, eine Entdeckungsreise sein. Und Architektur und Gebäude werden ja nicht statisch erlebt, sondern in Bewegung: Das ist eine Reise von Bewegungen, Wegen, Sequenzen…

Haben Sie ein Lieblingsmaterial?

Nein, ich entdecke gerne Materialien für mich und setze dann die richtigen für jedes Projekt ein. Jeder Entwurf ist eine andere Erfahrung, mit seinen Formen, Materialien, Licht und Farbe. Materialien sind sehr wichtig für mich, sie sind ein wichtiger Teil eines Entwurfes: sie kommen nicht erst in der Entwicklung, sonder schon in den ersten Ideen. Wenn ich meine ersten Modelle mache, denke ich schon an sie. Licht und Opazität, Farben und Texturen, und wie ich mit ihnen arbeiten möchte.

Ihre Entwürfe sind meist eher unkonventionell, oft sehr skulptural und sie haben trotzdem beinahe etwas Verspieltes. Sie Biegen, Falten, stapeln Räume wie Bauklötze. Die Idee mit dem Origami bei Citroën zum Beispiel. Auch die gewitzte Fassadengestaltung, die Farben und Ornamentik im Wohnbau. Spielt Humor in der Architektur eine große Rolle? Und braucht man Humor um guter Architekt zu sein?

Humor ist die Grundlage unseres Lebens, nicht nur der Architektur! Architektur muss Freude und eine gewisse Wärme geben!

Wurden Sie durch den Erfolg mit Citroën formal festgelegt? Gibt es eine Erwartungshaltung an Gautrand? Einen Stil, wo man sagt: „das ist Gautrand“? Sind es „zerknitterten Fassaden“ wie auf den Champs-Elysees, dem Hotel für Oskar Jensen in Kopenhagen oder dem Black Crystal in Amsterdam?

Ja, manchmal wird eine gewisse Art von Architektur von mir erwartet… Aber das ist schwierig für mich, denn ich will mit meiner Architektur überraschen. Ich mag es nicht, wenn Leute eine Form oder einen Stil für den Entwurf eines Gebäudes erwarten. Ich bevorzuge es, wenn sie ohne irgendwelche Hintergedanken kommen…

Ich weiß, ich habe einen Stil – wie jeder Architekt – aber ich will die Freiheit haben für jedes Projekt etwas Neues zu erfinden. Ich mag wenn der Bauherr einerseits – auf das Programm bezogen – genau weiß was er will, aber andererseits total offen für das Ergebnis ist, wenn er überrascht werden will!

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Also ich weiß, dass Architekturkritiker den besser beschreiben können als ich. Ich bin nicht die Beste um meine Arbeit zu beschreiben, da bin ich zu sehr drinnen.

Hatten Sie jemals Angst, Sie könnten sich wiederholen?

Ja klar! Das ist wahrscheinlich meine permanente Sorge. Ich will am Beginn eines Projektes immer frisch sein. Ich würde gern bei jedem sagen: Alles ist möglich, das Blatt ist weiß, das Abenteuer kann beginnen.

Das Gebäude an den Champs Elysées ist sehr mutig und modern. War es schwer Ihre Ideen an diesem besonderen Ort umzusetzen? In Wien, an der Ringstraße wäre das wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Ich hätte am Anfang dieses Projektes selbst sagen können: Das wird unmöglich, wir sind in Paris. Und tatsächlich sagten viele Leute zu mir: „das wird unmöglich, du musst das Projekt ändern um den zeitgenössischen Stil zu reduzieren, du musst Stein verwenden wie bei den „Hausmaniens“-Gebäuden in der Nachbarschaft…“ Aber ich hab das nie gesagt. Ich denke, wenn du einen guten Entwurf hast, dann ist es nie unmöglich ihn zu umzusetzen. Man muss die Leute nur davon überzeugen dass er gut ist.

Mit dem Flagshipstore von Citroën gewannen Sie einen Wettbewerb, in dem Sie sich gegen große internationale Konkurrenz durchgesetzt haben. In der ersten Runde, einem Ideenwettbewerb, gab es immerhin an die 40 Teilnehmer. In der zweiten Runde blieben fünf Architekten im Rennen: neben Ihnen Zaha Hadid, Christian de Portzampare, Jacques Ferrier und Christian Biecher. Waren Sie überrascht als Sie den Wettbewerb gewonnen haben?

Ich war sehr überrascht… Aber das ist bei jedem Wettbewerb so – man kann nie wissen ob man gewinnt oder verliert. Die Wahl des Siegerprojektes ist da so unvorhersehbar.

Man könnte sagen, Sie spielen als eine der wenigen Frauen in der Champions League der europäischen Architektur die doch noch sehr von Männern dominiert wird. Wie setzten Sie sich gegen Ihre männliche Konkurrenz durch? Und warum gibt es nicht mehr weibliche „Superstars“ der Architektur?

Also Frau oder Mann zu sein, das ist für mich dasselbe. Und ich kümmere mich während eines Wettbewerbes auch nicht darum ob die Teilnehmer Männer oder Frauen sind. Sie sind einfach „Architekten“!

Welches Ihrer Projekte mögen Sie am meisten?

Natürlich mag ich die Citroën-„Vitrine“ auf den Champs-Elysées sehr. Es war ein wunderbares Abenteuer auf dieser Straße zu bauen und dabei das Vertrauen der Citroën-Gruppe zu haben, was für dieses Projekt sehr wichtig war.

Tatsächlich ist es sehr interessant und bereichernd für große Unternehmen zu arbeiten: Man hat so viele Möglichkeiten über den Esprit einer Marke zu lernen und ein Projekt zu entwerfen, das ihre Geschichte und Philosophie stark zum Ausdruck bringt.

Eines der wichtigsten aktuellen Projekte ist ein Gebäude im Zentrum von Kopenhagen – ein Neubau und Umbau – mit einem großartigen Programm in dem ein Hotel, Shops, Restaurants und Büros gemischt sind. Ich war beeindruckt von dem Land und der großartigen Stadt Kopenhagen und versuchte ein Gebäude zu entwerfen, das den Geist der Stadt, sein Licht und seine Farben, seine Atmosphäre widerspiegelt.

Ein anderes sehr wichtiges Projekt ist das Kunstmuseum in Lille. Ein Mix aus Ergänzung und Renovierung, ein Mix zwischen Respekt und „Frechheit“!

Welches wäre Ihr Traumprojekt, das sie gerne entwerfen und bauen würden?

Es ist schwer es zu erklären bevor es kommt: Ich bin sehr offen und ich warte auf Abenteuer denen ich nicht widerstehen kann…

Kam Ihnen die Idee für ein Gebäude, eine Form, jemals im Traum?

Ja, im Traum findet man manchmal die Lösung, die Idee für einen Entwurf.

Abschließend, welchen Ratschlag würden Sie einem jungen Architekten für seine Zukunft geben?

Sei voller Leidenschaft für die Architektur. Das ist alles, aber das ist eine Menge!

Homepage: www.manuelle-gautrand.com

Erschienen in: Architektur und Bau Forum, 10/2008; Interview/Text: Fabian Dembski