Alles an einem Ort

Zentrumsbelebung als nachhaltiger Spagat zwischen Raumplanung und Wirtschaft.

Foto: Prisma – Zentrum für Standort- und Regionalentwicklung

Foto: Prisma – Zentrum für Standort- und Regionalentwicklung

„Nachhaltigkeit“ – mit dem beinahe zum Unwort verkommenen Begriff schmücken sich seit geraumer Zeit architektonische und städtebauliche Projekte gerne, um ihr Image aufzupolieren – vielfach ungerechtfertigt, denn nicht nur auf „gebaut kommt’s an“, vor allem auf geplant.

So eindrucksvoll auch gut durchdachte einzelne Maßnahmen in ökologischen Fragen bilanzieren können – etwa das Einfamilienhaus mit Passivhausstandard – darf man dabei den Gesamtfokus des siedlungsplanerischen Maßstabs nicht außer Acht lassen. Zieht man nämlich auch Faktoren wie

  • den Individualverkehr, der für BewohnerInnen von Siedlungen an den Randzonen von Gemeinden für Fahrten zum Arbeitsplatz, zum Einkaufen oder zur Schule unvermeidbar ist,
  • die Prägung des landschaftlichen Bildes durch Zersiedlung und
  • die damit einhergehende Verwaisung der Ortskerne

in Betracht, nimmt das Thema Nachhaltigkeit wesentlich weitere Dimensionen an.

Zentrumsentwicklung: Vitalität durch Diversität.

 Gerade die historisch gewachsenen Ortskerne hätten das Potential, durch

  • Revitalisierung,
  • Adaption und
  • punktuelle Verdichtung

in ihrer ursprünglichen Funktion aufgewertet zu werden. Dies würde die Attraktivität und Lebensqualität des gesamten Ortes und in der Folge einer ganzen Region steigern und dem Nachhaltigkeitsgedanken tatsächlich gerecht werden. Ein aktuelles Beispiel mit entsprechendem Modellcharakter ist das Projekt „Am Garnmarkt“ in Götzis. Auf dem Gelände des ehemaligen Huber-Tricot-Areals entsteht seit 2005, basierend auf einem Masterplan, Vorarlbergs umfangreichstes Zentrumsentwicklungsprojekt.

Das Erfolgskonzept basiert auf einem intelligenten Mix aus Wohnen, Arbeiten und Einkaufen, ergänzt durch Kultur-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen. Der Garnmarkt zeichnet sich durch seine zentrale Lage in der 10 000-Seelen-Gemeinde und die damit verbundenen besonderen Entwicklungsmöglichkeiten für die Marktgemeinde und die Region inmitten des Rheintals aus. Neue Wege und Plätze, Achsen, räumliche sowie Sicht-Beziehungen, Lage und Kubaturen der zu errichtenden Gebäude wurden durch einen genau definierenden Masterplan vorgegeben.

Beispiel Götzis: vorhandene Flächen für viele Bedürfnisse.

In einem ersten Schritt wurde die bestehende Industriearchitektur saniert und für Handels- sowie Dienstleistungsunternehmen adaptiert. Der zweite Abschnitt der Verdichtung wurde nach intensiver Planungs- und Entwicklungsarbeit sowie mehreren Architekturwettbewerben Anfang 2010 mit Neubauten für Mischnutzung begonnen. Die dritte und letzte Phase der Neubebauung wird noch heuer abgeschlossen.

Die Belebung der Erdgeschoßzone durch gastronomische und kulturelle Angebote generiert Treffpunkte, die von allen Altersgruppen gleichermaßen angenommen werden. Denn auch eine Durchmischung der Generationen war und ist ein erklärtes Ziel der PlanerInnen, was auch durch Einheiten für Betreutes Wohnen sowie eine überbetriebliche Kinderbetreuungseinrichtung erreicht und durch die Ansiedlung der Volkshochschule sowie einer Schule für Sozialbetreuungsberufe komplettiert wird. Bügermeister Werner Huber freut sich über die positive Entwicklung des Zentrums und erklärt sich den Erfolg vor allem durch die Mischung von Sozialem Wohnbau, Eigentumswohnungen und Betreutem Wohnen kombiniert mit Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleistung und ärztlicher Versorgung (Ordinationen) sowie mit dem Polizeiposten und Bildungseinrichtungen wie der Gemeindebibliothek und den Schulen.

Auf Individualverkehr wird auf den Wegen innerhalb des knapp 38 000 m2 großen Areals fast gänzlich verzichtet. Das Verkehrskonzept sieht eine zentrale Tiefgarage vor, die alle Gebäude unterirdisch miteinander verbindet. Außerhalb werden nur wenige Parkplätze angeboten. Der Garnmarkt zeichnet sich auch durch landschaftsplanerische Qualität und Fußgängerfreundlichkeit aus. Alle Geschäfte und Einrichtungen sind fußläufig erreichbar, was einen besonderen Vorteil für Familien und Kinder sowie ältere und bewegungseingeschränkte Menschen darstellt. Ergänzend wurde ein Blindenleitsystem für Menschen mit Sehbehinderungen installiert, das durch das gesamte Areal führt.

Wichtige Details: Architektur mit Verstand.

Die Vielfalt und Qualität der architektonischen Gestaltung in Götzis konnte durch Wettbewerbe erreicht werden, aus denen renommierte Vorarlberger Architekten als Sieger hervorgingen. In der Folge entstanden einerseits zwei Wohnbauten (Architekten Dietrich | Untertrifaller) am Garnmarkt, die durch ihre polygonale Form reizvolle Grundrisse ermöglichen und für jede Wohnung eine uneinsehbare Terrasse bieten. Beide Gebäude dienen nicht nur zum Wohnen, sondern bieten im Erdgeschoß auch Gewerbe- und Büroflächen Platz. Im größeren Haus entstand außerdem ein Raum, der speziell von jüngeren BewohnerInnen für Freizeitaktivitäten und zum Spielen genutzt wird.

Andererseits stehen in zwei Nachbargebäuden (Architekt Hermann Kaufmann) mit multifunktionalem Fokus in einem Block betreutes Wohnen, im anderen Block Büro- und Dienstleistungsflächen zur Verfügung. Räumlich verbindendes Element ist die Einkaufspassage mit angrenzenden Geschäftsflächen im Erdgeschoß. Im Sinne der Durchmischung der Generationen sind im dritten Obergeschoß Mietwohnungen, vor allem für Familien, untergebracht. Dieser Trakt ist in Passivhausstandard ausgeführt. Im dazugehörigen Nachbarhaus befindet sich im Erdgeschoß neben Geschäften auch ein überbetrieblicher Kindergarten.

Beeindruckende Zahlen: messbarer Erfolg.

Insgesamt umfasst der Garnmarkt circa 37 500 m2 Nutzfläche. Die 150 Wohnungen sind zu einem großen Teil bereits vermietet oder verkauft. Nach Fertigstellung sollen hier 70 Unternehmen angesiedelt sein, die mit rund 450 MitarbeiterInnen arbeiten werden, was mit Blick auf dieKommunalsteuererträge auch der Gemeinde ökonomische Vorteile bringen wird. Für die Projektentwicklung und Umsetzung zeichnet die PRISMA-Zentrum für Standort- und Regionalentwicklung GmbH aus Dornbirn gemeinsam mit der Marktgemeinde Götzis als Partner verantwortlich. Die städtebauliche Konzeption wurde von Architekt Wolfgang Ritsch erstellt. Für den Endausbau wurden, inklusive Sanierung der bestehenden Strukturen, insgesamt circa 87 Mio. Euro investiert – und es hat sich gelohnt!

Die Überbauung am Garnmarkt wird von der Bevölkerung durchwegs positiv aufgenommen. „Das Projekt ,Garnmarkt‘ hat aus dem bisher schon aktiven Ortszentrum ein noch aktiveres

gemacht. Es war immer raumplanerisches Ziel, das Zentrum zu stärken und den Handel nicht in den Randzonen anzusiedeln. Zwei Umsiedlungen von Geschäften sind innerorts in den Garnmarkt erfolgt“, resümiert Bürgermeister Werner Huber.

Beispiel Hallein: Kultur als Motor zur gemischten Nutzung.

Als weiteres Beispiel soll die Entwicklung im Salzburger Hallein erwähnt werden, deren Schwerpunkt auf der Sanierung und Revitalisierung der Altstadt sowie der Ansiedlung von Kultur im Zentrum (auf der Perner-Insel) liegt. Nach Schließung des Salzbergwerks 1989 büsste die Salinenstadt einen Teil ihrer Identität ein. 1992 gelang es, die denkmalgeschützte Industriearchitektur der alten Salinen als Spielstätte der Salzburger Festspiele und anderer Kulturveranstaltungen zu nutzen. In der Folge konnte durch einen Bürgerbeteiligungsprozess die Revitalisierung und Renovierung der historischen Substanz der Innenstadt bei gleichzeitiger Verdichtung des unmittelbar angrenzenden Raums ebenfalls unter der Prämisse einer Mischform von Wohnen, Arbeiten, sozialen Einrichtungen und Gewerbe erreicht werden. Die Nachfrage nach Wohnungen in der Altstadt konnte durch eine zurückhaltende Widmung von Wohnbauflächen am Stadtrand und finanzielle Anreize der Wohnbauförderung für Sanierungen im Zentrum erreicht werden.

Die Kombination verschiedener Funktionen wie Wohnen, Arbeiten und Kultur im Zentrum von Orten und Kleinstädten kann vitale Kerne schaffen. Durch geschickte förderpolitische Maßnahmen kombiniert mit Bürgerbeteiligung und raumplanerischen sowie architektonischen Umnutzungskonzepten, ergänzt durch Überbauung und Verdichtung, entstehen attraktive Lebensräume für alle Generationen – und eine nachhaltige Entwicklung, die klug mit den Ressourcen und Potentialen der betroffenen Gemeinden umgeht.

Claudia Czerkauer-Yamu und Fabian Dembski
Technische Universität Wien
Department für Raumplanung

(erschienen in: Leben in Stadt und Land, Frühjahr 2013)